Die Mass ist voll!
Da beschloß ich, Kolumnist zu werden …
Wer bin ich, wohin gehe ich? Ich bin ohne Geheimnisse, aber mit Vergangenheit. Lieber Leser, Sie werden sagen: der Magister Zwickel ist wahrscheinlich gänzlich uninteressant!
Und Sie haben mit dieser Feststellung recht. Ich erkläre mich Ihnen nicht. Ich halte ausdrücklich fest, dass ich nicht einen flüchtigen Gedanken daran verschwende, Ihren gnadenlosen Verurteilungstendenzen Raum zu gewähren, ich gebe den Teufel darauf, das kümmert mich nicht, was man gemeinhin über mich spricht interessiert mich nicht im Geringsten.
Gehen Sie aber, so es Ihnen wider Erwarten ein Anliegen ist, in Ihrem unermesslichen Ratschluss getrost davon aus, ich hätte vor vielen Jahren einmal gemüsepflanzend in einem Kleingarten am Holzweg 1, nur wenig außerhalb einer nicht näher bezeichneten Stadt zugebracht, dabei allenthalben mehr getrunken als Erde umgepflügt oder gar Unkraut getilgt, mir die Welt in luziden Träumen sonnig und frisch gehäkelt, und des Abends verkatertem Gedankengestrüpp ein klärend Süppchen bereitet.
Ich versuchte mich dabei in so Manchem, viel mehr aber noch in viel zu Wenigem: ich habe mir die exotischsten Sprachen anverwandelt, unwissentlich und auch ganz bewusst Menschen vor den Kopf gestoßen, ich schuf außerordentlich banale Literatur, die ich mal wutschnaubend, mal kühllächelnd in Bergseen ertränkte oder boshaften Anverwandten überantwortete, ich habe Oboen und leere Bierflaschen bespielt, alles begonnen und sehenden Auges nichts zu Ende gebracht, Zinshäuser ins All geschossen, eine Lehre als Kieselsteinmetz abgebrochen, ich ergötzte mich am Billardspiel mit Vorhangstangen, fuhr einsamen Frauen in ihren verzweifelten Momenten halbherzig durchs Haar, berührte ihre Hände und wagte es in meiner Unverschämtheit, mich an deren entrückten Blicken zu stören; an nicht enden wollenden Winterabenden indes drechselte ich eine gar erklecklich Zahl an Gurkenzangen – stets mit der glühenden Begeisterung und Akribie eines Grundschülers beim Gestalten der Zierzeile, immer aber auch im Nebel ungebrochener Hoffnung, zu guter Letzt einer fruchtbaren Schaffensperiode Vorschub leisten zu können.
Für die Position, die mir das Universum dereinst huldvoll zugedacht, war ich einigermaßen überqualifiziert, lebte ich zu vertikal und immer nur für diese eine befriedigende Anfangseuphorie; das kläglich Verbliebene ergab sich meiner Beharrlichkeit nicht.
Der Drang, Herausragendes zu schaffen, tönte immerzu im falschen, einem durchwegs komplizierten Rhythmus, verglühte im alles beherrschenden Wechsel meiner Beliebigkeiten: rot, hölzern, grün, Größenwahn, flüssig, tosende Überwelten, Verliebtheit, Gipfelruh und all solch ineinander.
Die allumfassende, mich durchwegs beschäftigende Frage: „Was kann ich, der Zwickel, der Menschheit hinterlassen, was ihr nicht von anderen schon längst hinterlassen wurde?“.
Bar jeglicher Kenntnis der Funktionsweise von Mähdreschern blieb mir folglich auch die seit jeher angestrebte Lebensstellung als Mähdreschermechaniker in einer südrussischen Agrargenossenschaft verwehrt, woran ich jedoch keineswegs zerbrach – waren diese meine Mähdrescherbestrebungen doch lediglich Ausdruck einer schäbigen Gier, das Außergewöhnliche zu fassen, mich fortwährend selbst überraschen zu wollen, und Brücken hinein in eine Sinnwirklichkeit zu schlagen, die den üblich Zeitgenossen widerwärtig und wenig erfüllend scheint, sich gleichermaßen aber von all dem abhebt, das sich in seiner ungebührlichen Bedeutungslosigkeit niemals abzuheben gedenkt.
Ich formulierte diese richtungsweisenden und wahrhaft beflügelnden Umgrenzungen meiner Mähdrescherexistenz samstagmorgens um sechs am Pissoir eines Vorstadtlokals namens “Alsbachprinzessin” und hielt in geradezu prophetischer Manier fest:
„Wohlan, kreuzigt mich, so sei ich denn Mähdreschermensch! Staunet und lasset gleichwohl Mähdreschermenschen mich fischen. Was ist à suivre, was folgt?“
Anschließend verwandte ich, dies sei Ihnen anvertraut, in meiner Großmannssucht tolldreiste Ideen entwickelnd, mehrere Monate vergebens darauf, der Pflanzen Sprache zu ergründen, Diskurs zu führen mit Apfelbäumen, Zitronen und Holunderstauden. Eine praktische Pflanzenlinguistik der Nachwelt und meiner Hybris zu erschließen wurde mir im Wahne gelb durchbrauster Nächte letztlich zum heiligen Denkauftrag. So entwickelte ich beizeiten einen regelrechten Pflanzenfanatismus, Bewunderer wie Neider bescheinigten mir naturgemäß die Unzurechnungsfähigkeit des zu Großem Berufenen. All meinen mühseligen Untersuchungen lag dabei die durch nichts und absolut wieder nichts zu untermauernde und freilich nur mir einleuchtende These zu Grunde, Sprache müsse im Gegenüber unweigerlich Sprache induzieren, infolgedessen es genüge, mein Gewächs unaufhörlich mit solcher zu düngen. Ein zum Himmel schreiender Irrtum, wie ich allzu bald erkannte: weder Pavese, Bernhard, Shakespeare, noch eines meiner unterdurchschnittlichen Sonette, welche ich maulfaulen Tomatenranken und Obstbäumen angelegentlich angedeihen ließ, vermochten deren Bockigkeit ein Silblein abzutrutzen. Einzig Gogols „Tote Seelen“ schien mittelfristig Erfolg zu versprechen; erregtes, beinah erotisches Zittern überfiel Tannhäuser, den alten Nussbaum backbords – allein, das rätselhafte Schweigen wich dennoch nicht.
Ich mutmaßte: Tannhäuser war Musiker, tat nach Gewort sich nicht um, er segelte nach Noten!
Ich hatte, das räume ich gefällig ein, den Kontrapunkt, an dem man sich ins Gegenteil verklärt, sträflich außer Acht gelassen.
Gleichermaßen war ich der Zivilisation nun, wie ich glaubte, endgültig abtrünnig geworden, hatte sich doch meine letzte, wenn auch überaus gewagte Hoffnung, in der Gesellschaft auf irgendeine bemerkenswerte Art und Weise reüssieren zu können, unglücklicherweise von heute auf morgen zerschlagen. Ich schleuderte im virtuosen Wollwaschgang meiner unerfüllten Erinnerungen und vagen Träume und harrte der Dinge, die da kommen mochten.
Die über mich so plangemäß hereinbrechenden Unbilden des von mir daselbst gewählten Schicksals schrieb ich den Launen einer mir einfach nicht gewogenen höheren Macht zu und empfand ob dieser Erkenntnis eine tiefe, innere Ruhe, entband mich dieser Umstand doch von der lästigen Verantwortung des Gestaltenmüssens.
„Ich habe alles Menschenmögliche versucht, es ist nichts dabei herausgekommen! Ich bin schuldlos, all dies ist widrigen Umständen zu verdanken“, habe ich mir an einem verregneten Dienstag tatsächlich frohgemut eingestanden, überdies in einem Anflug anmaßender Selbstüberschätzung einen ausrangierten kirgisischen Mähdrescher in dessen Einzelteile zerlegt, diesen nach einem Fässlein Bier aber freilich nicht wieder ordnungsgemäß zusammengesetzt.
Just inmitten derart rauschumwölkter Mähdrescher- und Pflanzenimponderabilien erschien ein Silberstreif am Horizont wohlfeiler Unmöglichkeit.
Die stramme Regung eines aufkeimenden Morgens – im rot-glühenden Osten loderten gar farbig Zeisigschwärme – war, wie ich heute weiß, der Anbeginn meiner neuen Zukunft
Vom angestrengten Nichtstun der letzten Tage matt und ermüdet, lungerte ich in meinem Ohrenbackensessel unter Tannhäuser, leistete mir Gesellschaft und lauschte dem fliehenden Zirpen der Grillen, ansonst ohrenbetäubende Stille mich umfing.
Ich durchblätterte die Lokalzeitung der “Alsbachprinzessin” und wurde bald der Tatsache gewahr, dass auf dem Sektor dieser Lokalzeitungen, abseits von Kreuzworträtseln, Kochrezepten und Kindergeschichten, vieles aufzuarbeiten war.
Tannhäuser steht immer noch wie angewurzelt in meinem kleinen Garten herum und spricht erstaunlicherweise – nicht.
Ich aber beschloß, Kolumnist zu werden. Was anderes kann ich nämlich nicht. Und Mähdrescher sind gar seelenlose Gesellen, glauben Sie das einem alten Spinner wie mir ruhig.
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Magister Zwickel am 3.04.2011 um 17:56 veröffentlicht und unter G'schichtln aus Hernals abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |

